Von Christiane Zintzen
In : LITERATUREN 12 / 2001 , S. 46f
KÖRPER DES KATHOLIZISMUS
Was Heimat sei, was Herkunft, dies definieren die Leitideologien gerne positiv: Als Kräfteborn des Menschen am Busen einer vertrauten Kultur. Dass dem nicht so sein muss, sondern der Ursprung – das Dorf – zur Hölle werden kann, haben eine Reihe österreichischer Autoren mit allen Mitteln ihrer literarischen Kraft demonstriert: Von Thomas Bernhards frühem Roman “Frost” über Peter Handkes “Hornissen” und Franz Innerhofers “Schöne Tage” bis hin zu Josef Winkler, dem vielseitigen und konsequenten Bilderstürmer gegen die Ikone der heimatlich- heilen Welt. Hatte Winkler in der Romantrilogie “Das wilde Kärnten” ( 1984 ) mit rhythmisch- obsessiver Sprachwut an den Gefängnisstäben seiner engen Heimat gerüttelt, so hat er – freilich auf seine Weise – dabei Gleiches mit Gleichem vergolten: Er hieb sozusagen mit Rosenkränzen und Fluch- Litaneien auf den Zwangs- und Schuldapparat des Katholizismus ein und legte dabei jenes Paradox bloss, welches ihn bis heute fasziniert: Gerade der Katholizismus, der die Leiblichkeit so scharf an die Kandare nimmt, strotzt in seinen Symbolen, Ritualen und Reliquien von purer Körperlichkeit. Sind es freilich die gemarterten, gequälten und entstellten Körper, welche als Reliquien, auf Bildnissen und im demütigen Küssen des Kreuzes im Mittelpunkt der (Volks-) Verehrung stehen, so hat Winkler gerade aus diesem Element seine literarische Methode destilliert. Stets sind es Leiber, um welche sich seine rhythmische Rede dreht. Dabei revolviert er um das Rätsel der “Kreatur” und es ist charakteristisch für diesen Autor, dass er die Frage nach dem Leben von der anderen Seite – vom Tode her – stellt. Die minutiöse Beschreibung von Schlachtung und Opfer, Agonie und Verwesung wirft immer wieder neu die Frage auf, was Leben, was das Individuum – gleich ob Mensch oder Tier – eigentlich sei.
VOM TODE HER
Als sich Winkler mit seinem italienischen Roman “Friedhof der bitteren Orangen” ( 1990 ) und seiner fulminanten Studie der Begräbnisrituale am Ganges ( “Domra” , 1996 ) von seiner engeren Heimat Kärnten fortschrieb, entrann seine Prosa dem Kärntner Starrkrampf und saugte sich mit zu Schmerz gesteigerter Lust an den Gestalten von Leibern und Dingen fest. Mit der grossen Erzählung “Wenn es soweit ist” ( 1998 ) tauchte der Autor freilich noch einmal tief und brutal in den Schlamm der Heimaterde zurück und schuf mit dem Leitmotiv des aus Gebeinen gekochten und eingedampften “Knochensuds” eines seiner schwärzesten und beklemmendsten Bilder. Vor diesem Hintergrund gelesen, mutet seine jüngst erschienene – deklariert erotische – römische Novelle “Natura Morta” fast wie ein heiteres Capriccio an.
ZEICHNUNG DER GEZEICHNETEN
Man wird freilich nicht erwarten, in diesem novellistischen “Stilleben” ein Rom des Dolce Vita und der Armani- Anzüge zu finden. Wie in früheren Texten zieht es Winkler auch diesmal zu den margialen Menschen und zu den Parias, kurz: in das Rom der Tandler und Zigeuner, der Immigranten und Obdachlosen, der namenlosen Kinder und verwirrten Alten, in das Rom zielloser Jugendlicher und orientierungsloser Ordensleute. Als Biotope dieser “Randgruppen” nimmt Winkler einerseits den Viktualienmarkt auf der Piazza Vittorio ins Visier: Hier wird an den Fleisch- und Fischständen jenes Schlachthandwerk verrichtet, das der Konsument nur zu gerne aus seinen Gedanken verdrängt. Zum andern erweist sich die Zone knapp vor der Pforte zum Vatikan als Raum für jene – buchstäblich – Ausgesperrten. welche als Invaliden, Bettler und Devotionalien- Händler vielleicht eine Handvoll Lire am Rande des Touristenstroms pflücken. Sie alle – die Fleischer auf dem Markt wie die Nippes-Verkäufer in der Via di Porta Angelica – sind Gezeichnete: Auffallend viele haben sich Tätowierungen in die Haut geritzt. Andere, wie die Fleischer und Fischfilettierer, sind von den Spuren des Tagwerks markiert. Deutlich sicht- und riechbar hat sie das Blut der geschlachteten Tiere imprägniert. Die Invaliden und Entstellten tragen nicht nur, sondern sind das schiere Gezeichnet- Sein – ein lebensgroßer Ausdruck von Krankheit, Not oder Behinderung.
GESCHICHTE DES AUGES
Anders, als man es vermuten könnte, gestattet Josef Winklers gleicherweise barock ausschwingende wie beschreibungsnüchterne Prosa keinen einzigen Moment dessen, was man heute “Sozialvoyeurismus” nennt: Weder hebt er an, auf ein sogenannt “anderes” Rom hinzuweisen, noch beeinflusst er die Lektüre durch wertende Adjektive oder gar durch moralisches Räsnonnement. Auch die Motive der Knabenliebe, welcher er um die Zentralfigur des jungen Fischverkäufers Piccoletto reizvoll gruppiert, behaupten in keiner Weise homosexuelle Ausschliesslichkeit. Der wirkliche Held dieses Buches ist allerdings nicht Piccoletto, dessen Schicksal dem Text Dramaturgie und Verlaufsrichtung verleiht: Sondern es ist der eigentliche Protagonist dieser kunstvollen Novelle das “literarische Auge”, welches sich – mehr als das reale Auge vermag – dem Chaos der Dinge, ihrem In- und Durcheinander hingibt. Im Fokus dieser über-realen Hellsicht rücken die Oberflächen – die Haut von Tieren, von Menschen, von Früchten und Blüten – ebenso gleichwertig nebeneinander wie deren Inneres: Tierfleisch, Menschenfleisch und Fruchtfleisch werden so wenig gesondert wie deren Sekrete Blut, Nektar oder Sepia. Wir sehen die Menschen beim Essen und Trinken, Lutschen und Saugen, beim Erbrechen und auch – beim Bluten.
EROS UND VERHEISSUNG
Diese Prosa schmiegt sich in die Zonen des vom “Zivilisationsprozess” Verdrängten und sie erkundet die Blaubartkammern der Tabus. Sie blickt in die Körper- Falten, in Ohren, Münder, Achselhöhlen und registriert das hier oder dort kurz aufblitzende Schamdreieck. Der Blick auf das Genitale ist jedoch stets ein indirekter: in Hosenbünde hinein, Hosenröhren entlang oder auf das sich durch enge Kleidung abzeichnende Geschlecht. Will meinen: Bei aller Direktheit des Eros bleibt eine gewisse “Diskretion” gewahrt. Wie drastisch die einzelne Szene auch anmutet (wir bekommen etliche Hoden, Schamhaare, Hinterbacken literarisch “zu Gesicht”), so sehr ist diese Literatur frei von jedem pornographischen Moment. Wo die Pornographie das Intimste zur vielfach vergrösserten Anatomiestudie aufbläst und somit das Innere des Körpers als brutalen Aufreiz nach aussen stülpt, dort deutet die Erotik nur an. Als Alphabet von Erwartung und Verheissung buchstabiert sie sich aus kleinen Zeichen, partiellen Einblicken und beiläufigen Andeutungen. Daß dabei “geschlechterdings” ( Gerhard Rühm ) alles im Kopf und in der Phantasie der Leserin, des Lesers geschieht, dafür sorgt nicht zuletzt der nüchterne sprachliche Duktus, in welchem Winkler die erotischen Signale notiert.
NATURE MORTES
Dazu fügt sich, dass Winkler nicht grundsätzlich zwischen Mensch und Tier, Fetisch und Objekt unterscheidet. Allen und allem wird die gleiche intensive Aufmerksamkeit zuteil. Ob Hohes oder Triviales, Heiliges oder Obszönes: Im Zusammenstoss der Elemente entsteht hier manches Sinnbild, dort manches situationskomische Moment. Es dankt sich eben auch dem Kunstgriff der – oft überraschenden – Zusammenführung von Pathos und Banalität, daß etwa die Szenen am Fleischmarkt “erträglich” sind: Die gespaltenen Karkassen, die abgetrennten Köpfe und Glieder, die zu förmlichen Tableaux ( nature mortes ) arrangierten Innereien würden in weniger kundigen literarischen Händen als Schock-Momente dienlich sein. Indem Winkler diese Figuren des Todes mit kleinen “Zeichen” ( etwa Plastikmadonnen ) versieht, nimmt er der offensichtlichen Zerstörung von Leben das Pathos und legt eine Kippfigur an: Hier das Memento Mori, das Erkenne dich selbst! – dort die fast liebevolle Zuwendung zur toten Kreatur.
NOVELLISTISCHER FEINSCHLIFF
Zugleich dienen die mannigfaltigen Fleischerszenen dazu, den gewaltsamen Tod der Hauptfigur vorzubereiten. In der Kurzform der Novelle bedient sich der Autor mit einer gewissen Gelassenheit der klassischen Erzählmomente: Dicht ist das Netzwerk der Bezüge, welches Winkler ( etwa durch modische Trash- Spielzeuge ) webt und deutlich sind die Zeichen, welche auf die Katastrophe des Unfalls vorbereiten. Winkler vermag sogar ein scheinbar abgegriffenes dramaturgisches Mittel wie das des unheilverkündenden Gewitters wirkungsvoll wiederzubeleben: Mit dem plötzlich herabprasselnden Regen gerät nicht nur die routinierte Geschäftigkeit auf dem Markt gehörig in Bewegung, sondern es werden die Motive von “Reinigung” bzw. “Vermischung” / “Beschmutzung” in gesteigerter Form noch einmal akzentuiert. Wenn Blitz und Donner dann auf das regennasse Chaos niederfahren, jagen die unheilverkündenden meteorologischen Vorzeichen auf ihren Höhepunkt zu, während sich – auf der Ebene der Handlungslogik – zugleich Piccolettos letaler Zusammenprall mit einem Feuerwehrwagen motiviert. Jäh setzt nun jede Bewegung aus, um, sich – nach einer starren Schreckminute – zum dramatischen Crescendo zu steigern.
VIRTUOSE PASSION
Was nun folgt, gehört zu den grossen Momenten der Literatur und offenbart einmal mehr Josef Winklers erzählerische Virtuosität: Wenn nämlich der Fischverkäufer Frocio, den geliebten Knaben auf den Armen tragend, sich brüllend einen Weg durch das gesamte Marktareal bahnt, verkörpert er auf höchst eindringliche Weise die Raserei der Pein. Die Konstruktion “vorbei an…. vorbei an…” suggeriert den jagenden Passionslauf des Liebenden, der an dem verblutenden Picoletto wie an einem Kreuze trägt: “Vorbei an” jedem einzelnen Marktstand, “vorbei an” jeder der – uns mittlerweile wohlbekannten – Figuren vollzieht Frocio über vier lange Buchseiten hinweg einen beschleunigten Stationenweg, wie ihn das katholische Passionsritual kennt. Selten wurde der Skandal des Todes so dramatisch in Szene gesetzt und selten geschah dies in einer so atemberaubend rhythmisierten Form. Assoziiert man mit diesem Passions- oder Stationenlauf zunächst die christlich- katholische Symbolik, so läge allerdings auch die Erinnerung an die antiken Läufe der Verzweifelten und Verfluchten nicht fern. Nicht zuletzt könnte man zu der moderneren Ansicht neigen, dieser mit dem toten Körper vollzogene “Run” an allen Stationen seines Lebens vorbei fände eine Entsprechung in dem “Lebensfilm”, welcher sich vor dem inneren Auge von Sterbenden angeblich entrollt.
FORTISSIMO – PIANO
Was folgt, was nach einem solchen Fortissimo folgen muss, ist das “Piano” der Agonie und so kehren mit dem Hervortreten des ersten Sonnenstrahls langsam die Handhabungen des Marktwesens zurück. In den Kurzabschnitten “Weisser Ginster” und “Roter Ginster” setzt Winkler seinem Helden mit Aufbahrungs- und Begräbnisszene ein symmetrisch angelegtes Doppelepitaph. Mit den Farben “Rot” und “Weiss” vernäht der Erzähler noch einmal zwei wichtige Fäden des Farbmotiv- Geflechtes und stellt mit dem Blumensymbol das Licht der Hoffnung ans Fenster – und das Zeichen der Poesie.
- Josef Winkler : Natura morta . Eine römische Novelle . Suhrkamp 2001
|||







