Prolegomena zu Liesl Ujvarys Text- und Bildarbeit

Christiane Zintzen

 

Kybernetik ist die Wissenschaft der vertretbaren Metaphern .( Gordon Pask )

Warum zur Hölle wird die Illusion nicht perfekt ? ( 1 )

Kybernetik als Gespenst

Im Zauberreich der Rückbezüglichkeit mag sich der Kybernétes zwar mitunter als König fühlen : Die Begrenzungen seines Systems bleiben allerdings auch die Grenzen seiner Welt und die MASTERS OF THE UNIVERSE sind stets auf der anderen Seite des Horizonts . “Demut” und “Wahrhaftigkeit” lauten folglich die Prämissen , unter denen der Steuermann in ständigem Steuern und Gegensteuern, im Justieren und Nachjustieren sein Schiffchen gegen die Macht von Wind und Wellen kreuzen lässt : “Demut” und “Wahrhaftigkeit” sind es wohl auch , welche LIESL UJVARYS rastloses Schaffen als Ziel – gleichzeitig aber auch als Weg zum Ziel – begleiten .

In ständigem Satz , Gegensatz und Neuansatz ertastet sich die Autorin von Texten , Klangwelten und Bildkonfigurationen einen genuinen Weg von Erkenntnis und Interesse . Der reinen Neugier eines künstlerisch REINEN GEHIRNS ( 2 ) kompromisslos sich verpflichtend , offenbart sich Ujvarys Oeuvre als ein im eigentlichen Sinn multi-mediales Werk : ein work in progress aus Denken , Worten , Bildern und Tönen , das stets neue Kontexte , Wissensgebiete und mediale Implikationen erschliesst .

Humanistischer Hintergrund und prononciert modernes Literaturverständnis verzahnen sich hier mit dem Treibgut der Popkultur , dort mit naturwissenschaftlichen Daten . Im BLADE RUNNING auf der Demarkationslinie zwischen Sublimem und Trivialem verkreuzt Ujvary Techno mit Anagrammatik , Neurologie mit Spieltheorie , Cyberpunk mit Diskurskritik . Mitnichten nivelliert die Autorin allerdings die Bausteine solcher Samples , sondern sie erkundet und aktiviert mit deren Aufruf auch die jeweiligen Bedeutungshöfe – und bleibt damit stets auf der Suche nach neuen “vertretbaren Metaphern” .

Nur ein Gedankenexperiment ! Ist das zuviel verlangt ? Mehr habe ich auch an mir selbst nicht versucht . Fast hätte ich gelacht . Ich weiss immer noch nicht , wie man lebt . Sachlichkeit , Ehrlichkeit , Selbstgefälligkeit – Wahnsinn . Wie gesagt , ein Drahtseilakt . ( 3 )

Innocence | Paradise | Lost

Schon das grell orangefarbene Cover des 1996 erschienenen Text-Grafik-Bandes NEURO ZONE signalisiert die Baustelle : Das Buch trägt sich nicht in den gepflegten Grundfarben des verlegerisch Eleganten und Gediegenen , sondern es “schreit” in einem alarmierenden Farbton , welcher Baustelle , Hilfskommando sowie NOTFÄLLE ALLER ART im öffentlichen Leben assoziiert . Im Rekurs auf die abgebildeten Simulationsgrafiken entwirft die Prosa die Baustelle einer virtuellen Welt , inszeniert parallel dazu aber auch den Notfall psychischen Weltverlusts . Das Simulationsprojekt gerät notwendig imperfekt : Wo die Illusion unvollständig bleibt und dem Subjekt jede wohlfeile Weltflucht verweigert , dort muss das Individuum im Limbus zwischen den Welten und Systemen verharren . Unbehaust , ausgesperrt , die Wunde des Bewusstseins schmerzlich klaffend .

Die Friedlichkeit der mit Hilfe des Landschafts- und Gartengestaltungs-Simulations-Programms 3D- LANDSCAPE generierten Bilder von Haus und Garten , Park und Patio , Baumballett und Busch-Choreografie täuscht in mehrfacher Hinsicht : Diese Komponenten einer simulierten Welt sind in keiner Weise jene neutralen Objekte menschlicher Weltmöblierung , als die sie auf den ersten Blick erscheinen .

Die vom Simulationswerkzeug bereit gestellten Häuser , die Gärten , die vegetabilen und gegenständlichen Produkte menschlichen Gestaltungs- und Behausungswillens sind keine nur leeren oder rein funktionalen Zeichen , sondern sie tragen mehrfach determinierte kulturelle Stempel und erzählen beredt von gesellschaftlichen Praktiken , Usancen und Vorgaben . So verweisen die vielfältig eingesetzten Hecken , Zäune , Grenzbüsche und Mauern auf die Kategorien von Innen- und Aussenwelt , Privatem und Öffentlichkeit . Abgrenzung , Identität und Besitz sind als hoch akkreditierte gesellschaftliche Werte dem vorgefundenen technischen Hand- Werk- Zeug buchstäblich eingeschrieben . Was dabei in den Blick kommt , ist die GEMACHTHEIT ( FAKTUR ) gesellschaftlicher Leitwerte und – der Simulationscharakter der Kulturideologie .

So, wie prähistorische Äxte dem Archäologen und ozeanische Exvotos dem Ethnologen wertvolle Hinweise auf die betreffenden Kulturen liefern , erzählt dieses Simulationswerkzeug als ARTE- FAKT etwas über die gesellschaftlich-kulturelle Verfassung des späten 20 . Jahrhunderts . Die sogenannte Simulation wird damit zum Instrument der De- Dissimulation ( Friedrich Kittler ): Sie beleuchtet das Verborgene und Versteckte , indem sie die stummen Zeichen zum Sprechen bringt . Ujvarys virtuelle Welt offenbart sich damit als Raum des programmatischen Anti-Illusionismus und als aufklärerisches Pilotprojekt .

Was macht mich denn so sicher , dass ich aus Fleisch und Blut bin ? Ich lache bitter , denke nicht einmal daran , diese Möglichkeit ernsthaft zu erwägen . Meine Empfindungen drohen mich noch mehr an diesen Körper zu fesseln , an diesen Ort zu bannen . Ich bin ein zerhackter , verlangsamter Spielzeugmensch . Ich bin eine Kopie . ( 4 )

Selbst Versuch

Dass Ujvary jedoch nicht im Präservativ des schützenden Raumanzuges durch die symbolischen Räume navigiert und nicht als kühle Beobachterin einer entkoppelten Aussenwelt auftritt , weiss jeder , der ihre Texte kennt . Sprachlich differenziert erzählen die konzentrierten Prosagefüge von immer neuen Versionen und Visionen des fortgesetzten Selbstversuchs . REINES GEHIRN bzw. NEURO ZONE : So heisst die ureigene Materie , an welcher Ujvary ihre Versuchsanordnungen durchführt .

Die textuellen und pikturalen Protokolle sezieren das Selbst und sein Bewusstsein und vollziehen eine methodisch reiterierte Auto- Biopsie . Wo die Texte die Fieberkurve komplexer Rückkoppelungen zwischen Ich und Umwelt , Schöpfer und Werk (also zwischen den WIRKLICHKEITEN verschiedener ORDUNG ) nachzeichnen , offenbaren die manipulierten Selbstportraits sinnfällig , wie Ujvary den eigenen ( symbolischen ) Körper als Material für künstlerisch-forschende Machinationen benützt .

Just am volksverwaltungstechnischen Ausweis der Identität – dem Passportrait – setzt Ujvary das Sezierbesteck der grafischen Bildbearbeitung an : Sie schüttelt , verzerrt und zerdehnt die eigene Oberfläche . Sie splittet , spaltet , sie bricht das eigene Gesicht auf . Sie stülpt das Innere nach aussen und lässt das Äussere nach innen stürzen . Die Physiognomie wird Wunde , das Konterfei Gekröse . Ujvary vollzieht damit auf der Ebene der ( symbolischen ) Repräsentation , was die Aktionskünstlerin ORLAN mit der kosmetisch-operativen Umgestaltung ihres Körpers seit Jahren physisch praktiziert : Beide Künstlerinnen geben sich preis als Subjekte und Objekte systematischer Selbstverletzung . Der Prozess der methodischen Des- Integration und permanenten Selbstverfremdung transformiert das Eigene in ein Fremdes – und damit in einen Gegenstand von Erforschung und Erkenntnis .

Das hat mit Terror und Spiel gleichermassen zu tun , ganz nach der Perspektive , die der Betrachter wählt : Sind diese Selbst- Verrückungen Maskenspiele der Repräsentation oder konstituieren sie ein autopoietisches Theater der Grausamkeit ? - Offenbar jedenfalls ist , dass Ujvary von Bild zu Bild einen Prozess der Re-Flexion offen legt , der wenig mit Eitelkeit und Selbstschutz zu schaffen hat , noch weniger jedoch mit dem gängigen ästhetischen Jargon .

Weshalb soll ich weinen ? Es ist die perfekte Darstellung des Krieges in all seiner verborgenen Herrlichkeit und ich bin ein Teil dieses Gemäldes . Durch das Erzählen habe ich mich bis zu einem gewissen Grad davon gelöst . ( 5 )

Die angewandte Ausweitung solcher Kampfzonen inszeniert Ujvarys Prosaprojekt WEICHE WELTEN , das die systematische Depersonalisierung ins Genre der Erzählung überträgt . Aus den in langen Interviews aufgezeichneten Autobiographica von Freunden und Kollegen sample- t sie transpersonale Portraits , die ( wie einst die Galton’schen Mischfotografien ) in der multiplen Überblendung verschiedener Individuen den Typus enthüllen : Heraus tritt die Struktur des Einzelnen und seines selbst- definitorischen Eigentums . Heraus tritt aber auch die Fiktionalität faktisch “authentischer” Individuation .

[ N ] eulich im Kabelfernsehen habe ich eine Diskussion gehört übers Schminken , ein brennendes Thema sozusagen , da war ich schon überrascht , ich glaub ja nicht , dass die Diskussionen echt sind , mythisch verklärtes Spekulationsgebiet , da wird sicher eine Vorauswahl getroffen , und wahrscheinlich setzen sie Schauspielschüler rein === und gerade deswegen Nährboden für typische Lebensentwürfe , aber vier Fünftel der anwesenden Frauen haben gesagt , wie wichtig es ist , dass man nicht hässlich ist , und hässlich ist man , wenn man sich nicht schminkt === ohne anmassende Inhaltlichkeit , aber doch mehr als ein Werkzeug === Detroit- Platten werden in Wien genauso gemacht . ( 6 )

Im Verschnitt von Ich- und Kon- Texten lösen sich Grenzen und Individuen auf . Ich- Sein und Ich- Sagen zerfasern in kontingenten Lebens-Texturen : Zweifellos ein Skandal . In Literatur wie im Leben .

Die Transformation solcher synthetischer Patterns ins musikalische Medium elektroakustischer SOFTWORLDS ( 7 ) bedroht da weit weniger die Selbstgewissheit subjektiver Autonomie . In sicherer Distanz zur wahr-sagenden Sprache wird an den computergenerierten Sound- Suiten ästhetisch goutierbar , was ideell irritiert .

Mit einer weiteren Reihe fotografischer Selbstportraits – den SOFTPORTRAITS – tritt nun auch eine bildnerische Werkgruppe neben die textuell WEICHEN WELTEN und die musikalischen SOFTWORLS : Das Grossprojekt rundet sich damit zu sinnfälliger Evidenz . Das Ich NIMMT SICH AUF ( record ) im Spiel und im Spiegel urbaner Texturen . Die Reflexe der Person in den gläsernen Scheiben gestalten sich zum Schaufenster möglicher Egos , ob in Rom oder Moskau , in Berlin , Tokyo oder New York . Mit den Worten des im November 1999 entstandenen Manifest- Textes KONTROLLIERTE SPIELE :

Einen Spiegel zu erschaffen , sich selbst zu kopieren , und die Unvollkommenheit zu erzeugen , nach deren Perfektion wir streben . ( 8 )

Parallelwelten

Als ständig neuformuliertes Projekt, als ständig neue Versuchsanordnung in Wort , Ton und Bild ist Ujvarys Werk ein INTRANSITIVES : Hier wird nicht ein Wahres- Gutes- Schönes als Einmalerreichtes vorgeschlagen . Hier wird kein Plot mit Bad oder Happy End gerundet . Hier gibt es keine gehorsamen Romanfiguren als identifizierbare Sprachrohre für wiedererkennbare Diskurse . Hier wird keine Überzeugungsarbeit geleistet , kein Überwältigungseffekt erzielt . Hier bezwecken die künstlerischen Mittel keinen marktkompatiblen ästhetischen Kitzel und keine missionarische MESSAGE | MASSAGE . Hier werden keine sangbaren Melodien dargereicht .

INTRANSITIV will meinen : Das künstlerische Experiment wird IM VOLLZUG vorgestellt und der Rezipient eingeladen , Projekt und Autorin ein Stück des Erkenntniswegs lang zu begleiten . Ujvarys Arbeiten mit und in den unterschiedlichen Kunstformen der Kultur zielen nicht auf den Effekt synästhetischer Trance , sondern im Gegenteil : Sie sind parallele Laboratorien für die Experimentierlust einer zügellosen Forscherin .

Ich bin ein Interfacer, ein talentierter mentaler Handwerker, nichts sonst . ( 9 )

  • ( 1 ) Liesl Ujvary : NeuroZone , edition ch , Wien 1996 - [ Text 17 ]
  • ( 2 ) Liesl Ujvary : Das reine Gehirn , Ritter , Klagenfurt / Wien 1997
  • ( 3 ) Ujvary ( Anm. 1 ) - [ Text 10 ]
  • ( 4 ) Ebd., [ Text 4 ]
  • ( 5 ) Ujvary ( Anm. 2 ) , S. 36
  • ( 6 ) Liesl Ujvary : Weiche Welten . In : kolik 8 / 1999 , S. 95 – 106 , hier S. 104
  • ( 7 ) Liesl Ujvary : Softworlds , allgemeine Lautgesetze – analoge Klangsynthese , Extraplatte , Wien 1999
  • ( 8 ) Liesl Ujvary : Kontrollierte Spiele . 7 Artefakte , Sonderzahl , Wien 2002 , S. 10
  • ( 9 ) Ebd. , S. 8
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