Peter Rosei : Ein Muster im Chaos der Welt | Phileas Fogg in Ottakring
NZZ , 11. 3. 2000
Der 1946 in Wien geborene Erzähler und Essayist Peter Rosei zählt zu den renommiertesten Autoren der “mittleren Generation” österreichischer Prosaisten. Wo sich Andere im Autobiographismus ausgeblutet oder an Österreichbeschimpfungen wundergeschrieben haben, kultiviert Peter Rosei seit bald nun schon drei Jahrzehnten die Kunst des Aufbruchs und Neubeginns: Neue Reisen, neue Reize, neue Textmodelle. Ein neuer Erzählband – “Liebe & Tod” – ist im Erscheinen. Anlass für einen Besuch.
Von Christiane Zintzen
ANALIESE UND EINBILDUNG. Zwei Stichwörter auf einem “halbzerknüllten Zettel aus kariertem Papier”. Anonymes Kassiber, Treibgut der Wiener Gosse, Romananfang und poetisches Programm. Mit dieser wortwörtlichen Exposition lieferte Peter Roseis 1990 erschienener Roman “Rebus” ein treffliches Exempel angewandter Poetologie. Das in der Welt Aufgelesene entbirgt, literarisch geformt, seinen Sinn: Es kehrt die mysteriöse Dame “Analiese” ein in das temperierte Lokal der “Analyse”, tauscht an der Garderobe die Pfauenrobe eitler “Einbildung” gegen das11 Messgewand der “Imagination”. Bühne frei! für jene Dialektik des Zeigens und Verbergens, auf die sich der Wiener Schriftsteller Peter Rosei wie kaum ein Anderer versteht.
Mit mehr als zwei Dutzend Büchern, Hörstücken und zahlreichen Essays ist Rosei einer der produktivsten österreichischen Autoren: Als experimentierender, jedoch nicht experimenteller Prosaist und Erzähler wird er an Schulen gerne gelesen und auch in Seminaren fleissig mit Fussnoten gespickt. Dennoch trifft zu, wenn der Mittfünfziger ganz ohne Koketterie von sich sagt, er sei “einer der Unsichtbarsten” im Lande und halte sich gerne “ganz raus”.
So sitzt er “draussen”, jenseits des Gürtels, in Ottakring, der alten Arbeitervorstadt von Wien. Hier sind die Strassenfluchten breiter, streben die niedrigen Firste allenfalls drei Stockwerke hoch. Vorstadt mit Hintergrund, Dachlandschaft mit Schornsteinwald. Carl Spitzweg hätte seinem Poeten hier statt des Schirms eine Parabolschüssel verpasst. “Haben Sie die Fleischhauerei dort am Markt gesehen?”, erkundigt sich Rosei, auf die Topographie hin angesprochen, “die machen die wunderbarsten Beuschel und Schnitzel, aber dafür gibt’s keine Kunden. Lammfleisch ist hier jetzt eher gefragt.” Der Ottakringer Orient um den Brunnenmarkt herum kargt mit verklärbaren Prospekten, pittoreskes Markttreiben hin oder her. Wohl gilt für den melancholischen Würstelmann, für “Noberts Likörboutique”, für Lotto-Kollekteure, Wettlokale und Stehweinhallen, was Peter Rosei vor einem Jahrzehnt mit der furiosen Stadtphänomenologie “Rebus” literarisch gestaltet hat: Dass sich nämlich das Geheimnis der Dinge in ihrer schieren Oberfläche begründet. Diese Oberflächen zu sehen, im Gedächtnis reflektierend zu sammeln, in Sprache zu gestalten, ist des Prosaisten Programm.
Die mönchische Schreibklause in der abgetakelten Vorstadt wird so zum Erinnerungs-Innenraum. Zimmer ohne Aussicht. Keine Ablenkung, bitte. Zwei Arbeitstische: Leer. Spiegelnde Politur. Auftritt: Der Autor als sportilich-legerer Connaisseur, in Jeans und englischer Weste, Hornbrille, jugendlich helldichtes Haar. Sitzen wir in der kargen Küche auf Klappstühlen, blicken durchs Fenster auf triste benieseltes Feuergemäuer, sprechen über Routen und Reisen, die Finger auf dem platten Südamerika des “Österreichischen Schulatlas”. Jäh hebt sich die Hand, weist auf das buntbestickte Textil an der Wand. Ein guatemaltekischer Poncho: “Schauen Sie genau hin, da sind überall Tierfiguren versteckt.” – Ein Muster im Chaos der Welt?
Die beschreibungsreichen Texte Peter Roseis schmiegen sich um die Dinge. Sie tasten Phänomenen nach, stellen sich den schieren Gegenständlichkeiten: Landschaften, Objekte, Oberflächen. Das seit den “Landstrichen” (1972), dem “Entwurf für eine Welt ohne Menschen” bzw. dem “Entwurf zu einer Reise ohne Ziel” (1975) fortgesetzte poetische Projekt Peter Roseis ist asymptotisches Herantasten an das, was der Autor “den wirklichen Stoff des Lebens” nennt. “Das ist sicher Sinn und Zweck der ganzen Dichterei: Es gibt viele Momente in meiner Prosa, wo ich spüre, wie das Leben weiter-”, gestikulierend, “- ruckt. Oder, wie ich einmal geschrieben habe, ‘wo der köstliche Stoff des Lebens leuchtend erscheint.’”
Doch sind dies rare Momente, im Leben gleichwie im Schreiben. “Es gibt viele Tage, an denen ich sage: Ich habe heute nichts erlebt. Und zwar deshalb, weil ich nichts gesehen habe. Schrecklich viel Zeit vergeht damit, dass das Leben einfach so weitergeht. Ohne irgendwelche Sensationen -”. Rosei seufzt ein wenig theatralisch und setzt in der abfallenden Melodie wienerischer Negativrhetorik fort: “Und in der Literatur?! Na mein Gott! Da ist es ein bissel besser. Da geht mehr weiter. Wenn man es abmessen müsste”, wieder ein Zögern. Die Zuhörerin spannt auf das Metrum, “ja, mit Geduld. Geduld ist die Masseinheit. Im Leben wie im Schreiben. Im Leben nennt man das Ganze dann Glück.” Jetzt deutet er in Richtung der brunnengassenseitigen Glücksstellen: “Der glückliche Zufall. Dazwischen muss man geduldig sein und sich herumtreiben und schauen und weitermachen. Mein Gott! Das muss man alles auf sich nehmen, damit man irgendwas sieht, irgendwas.”
Da sind die Reisen. Der Ansturm der Reize. Dann wiederum: Die Schreibstube. Klausur. Stille. Leere. Hier aber konfigurieren sich Texte. Zeigen sich Bilder von Guatemala, Sankt Petersburg, Mähren, Triest. Hier fügen sich Geschichten, formen sich Figuren. Mehr Reflexe denn Abbilder, mehr Reflexionen denn Realismen. So weltläufig sich Peter Roseis Texte gebärden: Ihr Schöpfer ist kein ambulanter Poet: “Wenn ich irgendwohin reise, versuche ich, mich dort planlos zu involvieren. Ich gehe dann möglichst weit von mir weg, vergesse mich selber und schaue mir das dort an.”
Als gelte es, die Spinnennetze elegischer Nachdenklichkeit mit kühner Geste zu zerreissen, setzt Peter Rosei entschlossen neu an: “Nein: Ich lebe dort! Schreibe auch nichts. Nichts. Nein, nichts. Nicht mal Notizen. In Petersburg war es wirklich so: Sechs Wochen: Keine Zeile. Nichts. Jeden Tag aufstehen, den Knaben füttern und dann mit ihm zum Beispiel auf den Markt gehen. Oder in ein Museum. Oder Beeren sammeln. Das macht mir Riesenspass.”
Wieder einmal gleitet das Gespräch vom Lesen zum Leben und mitten hinein in eine etwas vitalistische Attitüde. “Ah! Das Schreiben,” weist Rosei spitzfindiges Spintisieren von sich, “das wird völlig überbewertet!” Fast ärgerlich: “Das mein ich ganz im Ernst. Es war immer und ist eine grundsätzliche Position von mir: Ich halte viel mehr vom Leben als vom Schreiben. Ich verbringe ja viel mehr Zeit mit dem Leben als mit dem Schreiben!” Auch der Besucherin Fingerzeig auf die erkleckliche Anzahl der Erstausgaben – die mit den schönen, von Walter Pichler gestalteten Einbänden, die der Autor vom Residenz-Verlag zurückerworben hat – fruchtet da wenig. Denn er empfinde sein umfangreiches Werk zunehmend als Ballast. “Ich gehe an meine Arbeit so frisch, wie wenn ich noch nie eine Zeile geschrieben hätte.” Nun zögert er doch, relativiert: “Zumindest ist es mein Ideal, das ich natürlich nie erreichen kann. Was mich am Schreiben interessiert, ist erstens einmal ein analytischer Vorgang, nämlich etwas zu erkennen. Aber was mich mindestens genauso interessiert, ist, dass ich dann diese Momente konzentrieren kann, wo man, wo man… wo man das Leben spürt.”
Gerne schlüpft Rosei in die Rolle eines modernen Phileas Fogg, dessen vitale Gewissheit, in 80 Tagen die Welt umrunden zu können, die langwierige Erörterung technischer Quisquilien nicht duldet. Kommt folglich die Frage, mit welcher literarischen Technik das nun schon so oft herbeizitierte “Leben” in “Text” zu überführen sei, nicht weit. “Das habe ich immer abgeschmettert. Das muss man einfach können”, lacht Rosei und schüttelt den Kopf. Natürlich habe er “stundenlang” mit dem alten Freund H. C. Artmann Wortklaubereien betrieben. Allerdings antipodisch. Wie auch in Betreff der “Natur”, die sie ja ausführlich, als “Companeros” und Seite an Seite, auf Motorrädern Mitte der siebziger Jahre durchquerten. “Da sind wir durch irgendein Tal bei Mondsee gefahren und ich sag: ‘Schau, H. C., was für ein schöner Tag heute!’ Und er schaut mich so an (grimmig!) und sagt: ‘Scheiss Natur!’ Aus tiefster Seele.”
Das Liebäugeln mit dem avancierten Brigantentum blieb freilich nicht der jugendlichen “Musketierzeit” vorbehalten: In fast allen seinen Büchern hat er ein paar Partikel seines Ich als problematische (Un)Glücksritter in Szene gesetzt – selbstredend jeweils on the road. Drogenesser in “Wer war Edgar Allan?”, Arbeitslose, Prostituierte in “Das schnelle Glück” und vazierende Kleinkriminelle in “Von hier nach Dort”. Thema und Variationen modulieren sich vom Anbeginn seines Schreibens bis hin zur Titelgeschichte des jüngsten Buches, wo “Liebe & Tod” einander im Porno-Wanderzirkus fatal umfangen. Über solchen Bildern des Abseitigen verkreuzt Peter Rosei die eigene “Hergekommenheit” aus der kleinbürgerlich-proletarischen Wiener Vorstadt mit dem ethnographischen Blick des Forschungsreisenden. Ein bisschen der pfiffige Gassenbube, ein bisschen Hemmingway-Virilität.
“Don Juan in Mitteleuropa”, das Kernstück des neuen Bandes, führt mitten hinein in die Roseische Mythologie der zur Lebenstechnik erhobenen De-vianz. Mit dem nonchalanten Marketender Fabian wird der versatile Import-Export-Handel zur Metapher für den Menschen im Transit des Lebens. Alles ist “Beziehung”: Waren und Wörter, Küsse und Münzen. Artikel des Tauschs und des Handels, unendliche Transaktion. Libuše in Prag, Mira in Maribor, Olga Irina in Moskau. Dame Gitti wacht über das diverse Stapellager in Wien: Nicht zufällig erinnert diese Halde von “Armbanduhren, Bijouterie, Batterien, Pineapplekompott, Feuerzeugen, Reizwäsche, Nylonhemden” u.s.w. an die bunten Versorgungsstationen des Ottakringer Brunnenmarktes. Buntpunkte im Regenvorhang dieses trüben Februartages, durch den wir nun auf den Gürtel zueilen. Unter den trostlos glotzenden Augen der Hotelleiche “Hernalserhof” dröhnt der Verkehr von Wiens dichtest befahrener Strasse. Behende hüpft der Schriftsteller Peter Rosei über Pfützen – bei Rot – knapp bevor Hunderte Kupplungen kommen und die Verkehrs-Stampede vierspurig lostobt.
|||