Christiane Zintzen - NZZ, 27. 5. 2000

Da ist sie wieder , jene unverkennbare lyrische Stimme des Robert Schindel , welche im zeitgenössischen österreichischen Gedichtwerk so lange zu vermissen war : Nach dem erfolgreichen Romandébut “Gebürtig” ( 1992 ) - der Kartographie unruhiger Umgänge eines vielerlei bewegten Mannes durch ein atmosphärisch dicht portraitiertes Wien - knüpfen Schindels unter dem Motto “Immernie” gesammelte “Gedichte vom Moos der Neunzigerhöhlen” nun an das ursprünglich lyrische Oeuvre an . Setzt das reduktionistisch gestaltete Bändchen der edition suhrkamp die Reihe der vier bisherigen Gedichtbände Schindels mit unverkennbarer Logik fort , so steht doch zu fragen , warum man dem als Prosaisten so einträglichen Hausautor ( immerhin steht “Gebürtig” bei einer Gesamtauflage von rund 40.000 Stück ) nicht eine liebevollere Aufmachung gönnt . Positiv formuliert , verliehe Willi Fleckhaus‘ quintessenzielle Ästhetik dem Buch einen nachgerade klassischen Charakter : Ein auf das Substrat der Dichtung verschlanktes Buch, das aus dem Leben und in das Leben gelesen - nicht betrachtet ! - werden will.

RAU & UNVEREINBAR

Und es widersetzt sich womöglich die Lyrik Robert Schindels geradezu dem Prinzip der Prima Vista- Gefälligkeit. Rauh ist die Stimme geblieben , welche sich - wie widerstrebend - Inkantationen entringt . Karg , aber kräftig klingt der Ton , der aus einer von Trauer und Trotz zugeschnürten Kehle dringt . “Immernie” erhebt die Stilfigur des Oxymorons zum Prinzip perpetuierter Verschränkung - nicht aber Aufhebung ! - der widersprüchlichen Verfasstheit von Welt und Gemüt . Wer dächte da nicht an Hölderlin und an die eminent poetische Dynamik , die aus den berühmten concordiae discors wie “traurigfroh” entspringt?

ERSCHÜTTERTE ORDUNG

In diskontinuierlicher Zählung mäandern die leitmotivisch benannten Einzelgedichte quer über die Grenzen der sechs ‘Kapitel’ hinweg und doppeln damit ihr Hiersein in ihrer konkreten Situation mit dem beständigen Dort des makrostrukturellen Verweises . Das Netz der “Immernie”- Gedichte entspinnt sich im ersten Kapitel mit Numero 2 und Numero 7 , setzt mit den Nummern 5 und 4 im zweiten Abschnitt fort und quert im Justament einer willkürlich entmachteten Zählordnung den gesamten poetischen Plan . Deuten die wiederkehrenden Titel wie “Nullsucht” ( 11 , 7 , 10 , 9 , 13 , 8 , 12 , 14 ) auf Wahlverwandtschaften zwischen den Einzelpoemen hin , spottet die zerrüttete Zählung der traditionellen Ordnung zyklischer Ab-Rundung .

NEOLOGISMEN

Damit vollzieht die Dramaturgie, was auch das Einzelgedicht mit pathetischer Wortsinnigkeit intendiert : Erschütterung . Hier als Skepsis , dort als Emphase äussert sich diese Erschütterung jedenfalls im Brustton aufgestörten Gefühls . ‘Intensität’ heisst das ausdrückliche Begehren neologer Wortverfügungen wie “Groschlattengrün” , “dämmerwild” , “Dubrücke” oder “Beweisleib” . Schindel ist Charismatiker , kein Avantgardist . Ob Lust oder Wut , Skandal oder Trauer : In der Motivik des Reisens und Wanderns gelangt die Erschütterung zum Bild .

“DEPRESSENBURG” : IRREN UND LIEBEN

“Römische Vazierungen” , “Reisevermerk” oder “Die Reise der Wörter” betiteln sich die Gedichte und unternehmen Streifzüge zwischen Wien und Berlin , Rom und Sarajevo , kurz : zwischen “Depressenburg” und “Sterbien” . Da sind die Fluchtlinien unruhigen Vazierens und dort die Krater gewaltsamer Vertreibung ( “Armenier waren da” ) . Auf der Walstatt Screbrenicas kommen nicht einmal die Toten zur Ruh’ ( “Die Reise der Wörter I” ) . Der Mensch erscheint als per definitionem unbehaustes Tier , geboren , ein Irrender zu sein und ein Umherirrender zu bleiben , “anderwärts und unterwegs” .

Noch die Liebe , noch Eros , noch das “Schnurrln und Umarmen” vermögen die alltägliche Diaspora nur zu stunden : “Und lagern wir wohl aufeinand / In der gewälzten Bettstatt , fremdem Land” . “Hernach” , so heisst es an anderer Stelle , “geht jeder in sein Leben” . Was bleibt , ist die bange Frage , ob dies ein Vorwärts sei oder ein Zurück .

  • Robert Schindel : Immernie . Gedichte vom Moos der Neunzigerhöhlen - Suhrkamp 2000 |||
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