Rosa Pock : Von der Lust , an der Kette zu zerren

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NZZ , Literatur und Kunst , 19. 8. 2000

Von Christiane Zintzen

Höchst – oder zutiefst – sonderbare Gebilde sind sie , die poetischen ( Ver- ) Fügungen der österreichischen Dichterin Rosa Pock : Weder den lyrischen Saitenspielen , noch der Prosa forschem Akkord das Zeug schreibend , schlägt auch ihr jüngster Textzyklus allen usuellen Gefässen von “Innerlichkeit” bis “Weltabbildung” gehörig die Böden aus : “die hundekette . mein eigenes revier” bezeichnet präzise den streng abgezirkelten Auslauf , an dessen Grenzen sich der Autorin Sprachspiel systematisch verdichtet . Knapp achtzig alphabetisch angeordnete Stichwörter figurieren als enzyklopädische Einträge , deren Traktierung in philosophisch-rhetorischer Vertracktheit , zugleich jedoch im versierten Zeilenfall , erfolgt : Von “Ahorn” bis “Zweifel” buchstabiert sich ein “eigenes Revier” , dessen Radius eben so weit reicht , als ihn die 79 Glieder der “hundekette” gewähren . Wie schon das androgyne Kompositum den maskulinen “Hund” und die feminine “Kette” unauflöslich miteinander verflicht , so untrennbar doppelt sich die asketische Bescheidung auf das bezeichnete Revier mit dem Hinausdrängen aus dem streng konfinierten Rayon : Es bleibt – nach einem Wort Heimito von Doderers – stets “ein Auge draussen” .

Mittel zum Zweck solcher dialektischen Verschränkung von Innen und Aussen , von Befriedung und Kampf , von Domestizierung und Revolte ist die Struktur des einzelnen Kettengliedes : An je zwei Polen in die anliegenden Kettenglieder greifend , rundet sich jedes Glied für sich , ist in sich selber gedreht und bildet – der Fassung eines Monokels ähnlich – ein je eigen geartetes Perspektiv . Es tritt das Stichwort als Zeichen und als Bezeichnung auf , gewährt jedoch gleichzeitig den Durch- Blick auf ein Anderes . Durch die “agonie” blinzelt bereits das Erwachen aus ihr , im “lebenslang” droht schon der “tod” und noch der “kauftrieb” birgt in sich schon jenen Müll , “in dem mit freude die ratte wühlt” .

So fügt sich eins in das andere und die dialektische Selbstdrehung des einzelnen poetischen Gliedes emaniert in jene zirkulär verflochtene Verkettungsstruktur , von welcher etwa die naturgeschichtliche Denkwürdigkeit des “Rattenkönigs” zeugt : “ist der rattenkönig nicht / eine bezeichnung für tiere / deren schwänze sich unentwirrbar ineinander verknotet haben” , so deutet ihn Pocks Poesie als einen “gelebten roman der natur und der menschen” . Selbstredend findet auch der Künstler in dieser philosophischen Historia naturalis seinen Ort : In der Gestalt des “nichtsnutz” tritt er als derjenige auf , der – revier- regelgemäss und rückbezüglich – “seine eigene natur / wie seine bedeutung / gerade dadurch erlangt / dass er zwecklos / wie der pfau / seine räder schlägt” .