NZZ , 27. 8. 2005
Von Christiane Zintzen
Wie selig , wie selig lässt sich das an, einer Heranwachsenden beim Tagebuchschreiben über die Schulter zu blicken . Papa und Mama , Onkel und Tantchen beim einträchtigen Italo- Camping , Grillieren und : ach ja ! – Ferienliebe , schmachtende Briefe , beste Freundin … In ihrem jüngsten Buch hat Rosa Pock ein Stillleben angerichtet , das “Eine kleine Familie” aus der Albumblatt-Perspektive einer einzigen Tochter zeigt : Mama hält Diät und führt Fromms “Kunst des Liebens” im Munde , Papa ist der Beste , verfügt über Herz & Verstand , sowie über einige Marx- Freud- Reste aus Studientagen und akute Toskanafraktion- Ambitionen .
Während die österreichische Autorin mit einigen wenigen Sätzen , Signalen und Sentenzen das Szenario eines Ex- Achtundsechziger- Familienidylls stilsicher umreisst , formieren sich die Leser- Erwartungen brav nach Genre-gemässer Gewohnheit und stehen “Habt Acht !” für die Bombe , die das aufgestellte Mädel fraglos in diese Pastorale werfen wird . Aber nichts davon geschieht : Keine Traumatisierungen , keine Revolten , keine Reibbeiwerte ereignen sich .
Rührt dieser nahezu skandalöse Wille zum Konsens daher , dass die Ich- Berichterstatterin Gelatina gänzlich nach ihrem Namen ( nämlich : wasserlöslich , gleitfähig und unsichtbar ) gestaltet ist ? – Womöglich . Kenner der früheren , an formalen Spielmodellen orientierten Bücher Rosa Pocks riechen freilich längst Lunte und misstrauen dem offensichtlichen Generationen- Spiegel der Autorin ebenso wie der harmlosen Teenager- Psyche zwischen “Bravo“-Zuschrift und belletristischem Fräuleinwunder . Erst das abstruse “Babel Fish- Deutsh” einer italienischen Speisekarte ( wo sich “Penne arrabiate” in “feder wütend” und “Frittura mista” in “gebachen gewischt” verwandeln ) helfen dem dis dato “inhaltistisch” orientierten Leser auf den formallogischen Sprung : Was sich in den vorgeblichen Tagebucheinträgen und in den sanftmütigen Situationsbewältigungen der Erzählenden vollzieht , offenbart sich mit einem Mal als konsequentes Durchspielen formaler Algorithmen .
Immer neu antworten die diaristischen “exercices de style” auf frische Dateneingaben , vollziehen sodann eine synthetisierende Operation , um schliesslich zu einem Zwischenergebnis durchzudringen . Kraft einer gedanklichen Aktion wird dabei jeweils ein Zustand der Unruhe in einen vorläufigen Ruhestatus überführt ; womit die Gleichung für’s Erste gelöst scheint und temporäre Zufriedenheit gesichert . Dass dabei der operative Prozessor – die jugendliche Heldin Gelatina – unsichtbar bleibt , entbehrt weder Konsequenz noch Komik . Mit “Eine kleinen Familie” ist Rosa Pock eine ironisch irritierende Applikation der “männlichen” Formallogik im blütenzarten Kleidchen modischer “Frauenliteratur” geglückt .
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Rosa Pock: Eine kleine Familie , Literaturverlag Droschl 2004 |||







