Streeruwitz’ Peinigung der Barbiepuppe : “Partygirl”

NZZ, 2. 5. 2002

Von Christiane Zintzen

“Liebe, Leben, Lachen, sind drei schöne Sachen.” Als befiele die kleinen Mädchen, welche einander diese Sentenz in die Poesiealben schreiben, insgeheim ein Horror Vacui angesichts seiner Fadenscheinigkeit, umgeben sie den Schriftzug mit vielen rotglühenden Herzchen und bunten Bildern. Längst dem Mädchenalter und vielen Romantizismen entwachsen, übersetzt Marlene Streeruwitz das blumige Streugut in das Idiom des akuten Beziehungsschlachtfeldes. Das goldige “Lieben, Leben, Lachen” verwandelt sich der krassen Realität von “Unterliegen, Leiden, Krachen” an und es hielt die Autorin bislang nie damit hintan, dies den Leserinnen ihres Prosawerks ins Stammbuch zu schreiben.

Das ist bei ihrem Romandébut “Verführungen” so gewesen, dies verhielt sich in der “Nachwelt” so und setzt sich, nach der Erzählung “Majakowskiring“, nun in dem Grossroman “Partygirl ” fort. Hat sich der Kinderreim von einst in sein Gegenteil verkehrt, so bleibt doch die detailreiche Ausgestaltung des Albumblattes die nämliche. Vertraut mit den Regeln der Kunst, komponiert Streeruwitz eine Oper der Frauenopfer auf der Walstatt der Lüste und Leiden der Leiber.

Stationendrama nach E. A. Poe

Madeline und Roderick ( Rick ) heissen die Königskinder, welcher zueinander nicht kommen können, da sie Geschwister sind. In freier Improvisation über Edgar Allan Poes “Untergang des Hauses Usher ” rekapituliert Streeruwitz den “Fall” der Familie Ascher durch ein halbes Jahrhundert hindurch, indem sie die Lebensstationen der Geschwister als inverse Chronologie erzählt. Wie der Archäologe Rick Ascher vom Boden der Gegenwart aus sukzessive auf immer ältere ( Ge- ) Schichten der Vergangenheit stösst, geraten wir mit dem Fortschritt des Erzählens in zunehmend tiefere historische Phasen. Mit seinen knapp 420 Seiten durchmisst das romaneske Stationendrama insgesamt dreizehn Etappen vom Jahr 2000 bis 1950 und rollt damit die Psychopathologie der Zentralfigur Madeline in Richtung auf ihre Ursprünge auf.

So weltläufig das Ambiente der jüngeren Lebensstationen ( Chicago, Havanna, Berlin, Santa Barbara, Kuba, Arezzo, Perugia ) erscheint, umso enger schnurrt der Aktionsradius der Kindheit auf das Kurstädchen Baden bei Wien zusammen. Hier, in der maroden Familienvilla ( Poe ! ), lagert die Nabe des Rades, welches das anstössige Liebespaar in zunehmend weitere geographische Umlaufbahnen schleudern wird. Moderne “Juifs errants”, befinden sich die beiden Geschwister ihr Leben lang auf der Flucht.

Inzestverbot und Koitaldrang

Flüchtend den inzestuös “anderen Zustand” ( Robert Musil ) , flüchtend den katastrophalen Familienroman, flüchtend letztlich vor sich selbst. Nicht zufällig beanspruchen die Motive von Verkehr und Reisen weite Strecken des Romans, wobei naturgemäss keine Station dieses gehetzten Lebensweges Ruhe oder Linderung bieten kann. Kaum irgendwo angekommen, regt sich sofort neue Fluchtfantasie: “Nur weg!”, lautet der jähe Impuls in Madelines Kopf, ganz gleich ob “weg !” aus Baden, Kreta, oder Chicago. – Wo aber wäre der Ort, an welchem anzukommen die Autorin ihren Protagonisten so beharrlich verwehrt? Die Spektralschau des Bewusstseins der weiblichen Figur lässt keine Zweifel darüber offen, dass ihre Utopie auf die Weiterführung der Inzest-Beziehung zielt. Wo der Bruder indes das Heil der Verdrängung auf immer exotischeren Expeditionen oder in homophilen Kreisen sucht, kann es für die Schwester keinen Ort geben. Es sei denn die Erinnerung oder der Tod. Das abstrakte Pathos solcher Kategorien verkörpert sich in den konkreten Beziehungsgeschichten solcherart, dass Madelines ständiger Koitaldrang ( die Sucht nach dem kleinen Tod ) nie ohne die Erinnerung an den unerreichbaren Bruder bleibt: “Im Bett mit einem Portugiesen, der aussah wie Rick”, geht die Phantasie. “Es blieb ja nichts anderes übrig. Sie würde nichts anderes haben als diese Liebschaften.”

Der Ersatzkörper sind viele, doch dienen sie nicht nur der Lust. Als leeres Versprechen wird Sexualität zur Routine und zum Austragungsort von Aggression: “Sie sollte sie umbringen. Die Männer. Mit ihnen ins Bett gehen und dann umbringen.” So spazieren die Phantasmen, wo das raue Leben gegenteilig verfährt, indem es – personifiziert durch “die Männer” – mit Blessuren nicht geizt. Die schöne, die zarte, die leidende Frau und die männlichen “brutes”. Ed, der Amerikaner, sei “abhängig von seinem Schwanz”. Chris, Liebhaber einer aparten Bulimikerin, verkündet nicht ohne Stolz, dass “nur sein Schwanz Bescheid” wisse. Und Bahringer, welcher in einer fashionablen Wiener Bar sein Gefallen an Madeline wo schon nicht durch die Blume, so doch durch die Hose sprechen lässt, wird von dieser als “einer von den Langrednerkurzfickern” eingeschätzt. Die Frau nimmt seinen anschliessenden Vergewaltigungsversuch ebenso registrierend hin wie alle jene Penetrationen, welche sie im Laufe ihrer “vie sexuelle” akkumuliert.

Scheintod und “materia patiens”

Hatte Edgar Allan Poes in der ephemeren Figur der Lady Madeline seine persönliche Obsession mit dem Thema des Scheintodes formuliert, so stellt Marlene Streeruwitz ihre Madeline Ascher als seelisch Scheintote vor: Die mentalen Räume, in welche die Autorin uns Einblick gewährt, zeigen einen flachen Bewusstseinsstrom, welcher nur wenig mehr mit sich führt als das blanke Protokoll des unmittelbaren Erlebens. Treibgut von Assoziationen allenfalls. Nicht nur die über Jahrzehnte eingewachsene Anorexie hat diese Frau in eine “Patientin” verwandelt, sondern sie gibt die “materia patiens” auch in Bezug auf die Männer konsequent ab. Als passive und schöne Hülle ist sie allerdings nicht nur der männlichen Triebnatur allzeit parat, sondern auch dem Gestaltungswillen ihrer Autorin.

Die Kunstfigur Madeline erinnert damit an eine Gummipuppe, welche – aufgeblasen und in Form gebracht durch etlichen Psycho- Determinismus und einige Partikel Musil, Bachmann und Schnitzler – eine passive und abwaschbare Hülle bleibt. Letztere allerdings detailreich ausstaffiert mit modischen Accessoires, welche jede Barbiepuppenmutter vor Neid erblassen liesse: Vuitton und Ferragamo, Kenzo und Ferré, Paloma Picasso und Givenchy. Das Zerreissen des Luxustextils unter dem gierigen Zugriff des Mannes wird mit der selben Indifferenz registriert wie die anstehende Vergewaltigung. Beides geht zusammen im Konstrukt der leidenden Frau, welche, gleichgültig ob als Gummi- oder Barbiepuppe, die üblichen Stauchungen durch die patriarchale Welt erfährt. Man möchte die Peinigung als Emblem des kleinen Grenzverkehrs zwischen Mann und Frau gerne hinnehmen, entriete sie – wie etwa Elfriede Jelineks “Liebhaberinnen ” – dem Angebot identifikatorischer Lektüren. Im ödipalen Viereck wird jeder die Ecke erkennen, welche er selbst weg hat und mancheine(r) den Männerschimpf und modischen Gemischtwarenladen gerne goutieren.

Voyeuristischer Kontrakt

Wenn schon nicht in der Figurenzeichnung, so liegt der Clou des Romans in seiner Komposition, welche die Schlüsselszene – den masochistischen Kontrakt – erst spät preisgibt. Konnte die geneigte Leserin 326 Seiten lang mit dem ewigen Frauenopfer leiden, bricht die empathische Lektüre spätestens mit jener Szene ab, in welcher Madeline – in der Rolle der Voyeurin – einen aggressiven Analakt ausdrücklich geniesst. Die doppelte Identifizierung sowohl mit dem Aggressor als auch mit der unterlegenen Frau löst bei der Zuschauerin einen heftigen Orgasmus aus. Von dieser Schlüsselszene her aufgerollt, erweisen sich die Demütigungen, welche Madeline im Laufe ihrer Liebeskarriere erdulden wird, als Dividende eines stereotypen Kontrakts.

Der Roman “Partygirl” nimmt damit ein Leitmotiv auf, welches Streeruwitz’ Werk bereits in verschiedenen Konstellationen durchgespielt hat: In den bisherigen Romanen steuern die Protagonistinnen treffsicher auf jene Männer zu, welche voraussehbares Leiden versprechen. Die konsequente Formulierung des – prekären – Gedankens einer Opfer-Täter-Allianz ist ihrem jüngsten Werk vorbehalten. Was bleibt, ist die von Vätern, Müttern, Brüdern und deren diversen Statthaltern viktimisierte Frau: die Barbiepuppe “Partygirl” als blinde Matrix. Vielleicht mag die Didaxe oder – wenn man so will: der politische Appell – des Romans darauf abzielen, in allen Aspekten vor Augen zu führen, dass weibliches Abonnement auf das Leiden keinen Zugewinn an Erkenntnissen bereithalten kann. Es sei denn, man hält es mit dem Partygirl Britney Spears , welche nach der gescheiterten Beziehung zu Justin Timberlake jüngst mit der Einsicht an die Öffentlichkeit trat: “Männer haben keine Ahnung, was in uns Frauen vorgeht.”

  • Marlene Streeruwitz: Partygirl. Roman. S. Fischer 2002 |||