LITERATUREN 3 ( 2005 ) , S. 68-71

Von Christiane Zintzen

Man nehme maulende Moralismen , aggressives Schmollen , Bigotterie und Schmerzlüsternheit - und fertig ist die Trivial-Feministin . Eine Handreichung zur Lektüre einer Geschlechterkriegsgewinnlerin .

“Wie kommt die dazu, mir mein Leben vorzuschreiben ?” - Der empörte Ausruf einer Wiener Kulturarbeiterin , 30, übertönte das etwas müde Feuilletonecho auf das im Frühling 2004 erschienene Buch. Mit “Jessica, 30“, ihrem fünften Roman, hat Marlene Streeruwitz ein Phantombild der Wesens-, Lebens- und Leidensarten weiblicher Thirtysomethings vorgelegt. Wie stets hatte die österreichische Autorin auch für diese Post-Girlie-Fiktion jede Menge Elemente realer und medialer Ereignisse kompiliert, um diese dann - topographisch korrekt und modisch up to date - in definierte Wiener Lokalitäten einzupassen.

Topographien

Dabei situiert die Autorin, die sich vorzugsweise radikalfeministisch, establishmentkritisch und bürgerschreckend gebärdet, ihre Kunstfigur erneut in einer vertrauten Topographie: Waren es die bourgeoisen Bezirke 19 und 4 in ihrem Romanerstling “Verführungen” ( 1996 ), situierte sie ihre einsame Heldin der Erzählung “Majakowskiring” ( 2000 ) im stockbürgerlichen 8. Bezirk, liess ihr “Partygirl” ( 2002 ) Madeline in der Wiener City und in der ehemaligen k. k. Kur-Kleinstadt Baden leiden, so stiess sie mit ihrer “Jessica” 2004 erstmals in den neuerdings chicen 6. Bezirk am Naschmarkt vor. Wobei sich die hübsche Beobachtung aufdrängt, wie viel Symbolisierungsmacht der Viktualienmarkt für Wiener Autoren bereithält: Nach Robert SchindelsGebürtig” und Barbara FrischmuthsDie Schrift des Freundes” hat - zeitgleich mit Marlene Streeruwitz - auch der junge Essayist Doron Rabinovici mit seinem Roman “Ohnehin ” das aromatische Gewühl am Wienfluss zur Suggestion einer Atmosphäre aus Multikulti und Bohème herangezogen. Die Mädels, die Streeruwitz als Freundinnen ihrer Jessica in den coolen Gastronomie-Inseln nahe dem menschelnden Marktgetriebe plaziert, könnten allerdings auch in jeder Berlin- Mitte- Kaffeebar sitzen: Den Austausch von Karriereplänen und Liebesgeschichten pflegt man eher bei Café Latte als bei einem Döner.

Karriere- Mädel

Der Empörungsruf der jungen Kulturarbeiterin angesichts der Darstellung ihrer eigenen Generation in “Jessica, 30” galt also zunächst der Tatsache, dass sich hier eine Ältere in das lokale Bezugssystem der Jüngeren eingeschlichen hat und als hip verkennbare Romankulisse nutzt. Der grössere Groll der jungen Wienerin bezog sich allerdings auf das - eher trübe - Portrait des feministischen Status Quo der vermeintlichen “Generation Sex and the City”. Denn: Mit ihrer spätjugendlichen Protagonistin Jessica zeichnet Marlene Streeruwitz eine tief bürgerlich in der Wolle gefärbte Kulturarbeiterin, die zwischen angepasstem Karrierestreben und emanzipatorischem Dissidenzwunsch, ach!, zwei Seelen unter ihren Brüsten trägt. Die berufliche und erotische Faszination durch die Männermacht führt das bittersüsse Mädel in einen Teufelskreis der fortgesetzten Demütigung. Diese gipfelt in einem Tête à Tête mit dem heimlichen Geliebten, bei welchem Anlass der aufstrebende Konservativpolitiker - der sonst laut die Familienwerte im Munde führt - die junge Frau zu einem blow job zwingt, während er gleichzeitig am Handy seine alkoholkranke Gattin vertröstet.

“System Streeruwitz”

Mit den charakteristischen Schauplätzen, dem allmächtigen Vaterprinzip, den Katarakten von Demütigungen, der psychosomatisch krankenden Hauptfigur sind wir bereits mitten im “System Streeruwitz”, das sich beim aufgeklärten Publikum einer ehrfürchtigen Wertschätzung als “feministisch engagiert” erfreut. Die charakteristischen Stummelsätze haben der Autorin dabei nicht minder den Touch der Radikalität verliehen als ihre ausufernde Essayproduktion, in welcher - nachzulesen etwa in der jüngsten Vortragsanthologie “Gegen die tägliche Beleidigung ” - kulturkonservative Skeptizismen, Engagementkitsch ( heimelige Demos gegen die österreichische Mitte- Rechts- Regierung ) und trivialfeministische Positionen eine unreine Mischung eingehen. Da die Autorin ihre aggressiv-schmollende Agenda der Anklage auch öffentlichkeitswirksam einzusetzen weiss, lädt man sie gerne ein, Podiumsdiskussionen ein wenig aufzupfeffern beziehungsweise die in Serie hergestellten Ableger ihrer Grossessays in den Wochenendbeilagen bürgerlicher Zeitungen zu publizieren.

In der Tat ist es dieser Autorin mit ihrer gezielten Lancierung der “Marke Streeruwitz” auf dem Literaturmarkt durch Werk, Wirkung und Werbung gelungen, ihre maulenden Moralismen in einer unüberblickbaren Anzahl von Interviews zu plazieren, sich dabei stets jedoch einen widerspruchsfreien Raum zu sichern. Denn: Wer mag schon etwas einwenden gegen die - Buch für Buch für Buch vorgeführten - Einzelfallgeschichten um eine je einsame, je leidende Frau, die über kurz oder lang an der Herrenwelt seelisch und körperlich zerbricht? - Gegen das kasuistische Kalkül auf Betroffenheit ist nun einmal kein rationales Argument gewachsen - zumal dieses von der Autorin prompt mit der Argumentationskeule der phallozentrischen Abstraktion zurückgeknüppelt würde. Im Literarischen tragen narrative Kunstgriffe wie die Erlebte Rede oder der Innere Monolog dazu bei, die Grenzen zwischen den Ansichten der fiktiven Figur und deren realer Erzählerin zu verwischen. Die Lektüre der Essays lässt indes ermessen, wieviel gemeines Meinen von der Schöpferin in ihre Figuren fliesst. Im moralischen Schutzraum eines absolut ironiefreien Pathos geht die Autorin bei der Verfertigung ihrer Bücher nach einem Baukastensystem vor, indem sie die Protagonistinnen, Szenarien und Schmerzsyndrome wie Module für jedes Werkstück neu kombiniert.

Noble Namen

Nehmen wir uns etwa Marlene Streeruwitz’ jüngstes literarisches Opus vor, das anspruchsvoll mit “Novelle” untertitelte Prosastück “MORIRE IN LEVITATE“, dann begegnen wir in dem schmalen Büchlein derart vielem aus den Vorgängerwerken Bekannten, dass uns die auf 60 Jahre zualternde Ex-Sängerin und ihr an den Gestaden des Neusiedler-Sees Gassi geführtes gebrochenes Herz wie alte Verwandte anmuten. Das beginnt bei dem ausgesucht (gross-) bürgerlichen Namen - Geraldine -, welcher sich fugenlos in den Nobelnamenkatalog der bisherigen Protagonistinnen einreiht: Von dem konträren Freundinnenduo Helene und Sophie der “Verführungen” über die Journalistin Leonore in der Erzählung “Majakowskiring“, das an Edgar Allan Poe inspirierte “Partygirl” Madeline bis hin zu der auch als “Margaux” oder “Greterl” figurierenden Margarethe, die im Roman “Nachwelt” (1999) zu einer kalifornischen Expedition auf den Spuren der historischen Anna Mahler - Tochter Almas und Gustav Mahlers - aufbricht: Die Illustriertennamen Lisa ( “Lisa’s Liebe “, 1997) und Jessica reserviert die Autorin für jene Papierfiguren, welche demonstrativ an der Grenze zum Trivialen siedeln.

Frauen im Dauerlauf

Kehren wir zu Geraldine und “MORIRE IN LEVITATE ” zurück, zwingt schon der Aufbau der “Novelle” zum direkten Vergleich mit dem Vorgängerwerk. Die Ähnlichkeiten des als Schwanengesang angelegten Prosastücks zum Mode- Polit- Sex- Roman “Jessica, 30″ sind dabei ebenso aufschlussreich für das “System Streeruwitz” wie die Differenzen. Beide Male wird eine allein- gängerische Frau in Bewegung vorgeführt. Wird der Fräulein- Roman von einem über 91 Seiten hinweg monologisierten Dauerlauf eröffnet ( es gilt, die Kalorien der letzten Heisshungerattacke zu verbrennen ), marschiert die Nachfolgeprotagonistin Geraldine 96 Seiten hindurch und hält solcherart - einer bewährten literarischen Tradition gemäss - ihren Gedankenfluss in Gang. Wie sämtliche Streeruwitz- Frauen steuert sie dabei auf einen nebulosen Fluchtpunkt zu.

Die Trasse ist diesmal nicht die bei urbanen Joggern beliebte Wiener Prater- Hauptallee, sondern die weite Schilfeinsamkeit des Neusiedler-Sees, will meinen: die Melancholie des Ostens, der Caspar David Friedrich- Horizont, die fremden Weiten des auch “pannonisches Meer” genannten Steppensees. Wenn dabei Ingeborg BachmannsPrinzessin von Kagran” und “Undine geht” herüberwinken, wird nicht die Beobachtung unterbleiben, dass man viele Bachmann- Titel als Motti über Streeruwitz’ Werke setzen könnte: Summa Summarum trifft auf die Tendenz sämtlicher Streeruwitziana der letzte Satz aus dem Roman “Malina ” zu, welcher die Schuld am Frauentod der Männerwelt zuschreibt: “Es war Mord.” Wo Streeruwitz’ elegischer Spaziergängerin Geraldine auf ihrem buchstäblichen “Weg ins Freie” ( Arthur Schnitzler ) ein ebenso buchstäblicher kalter Wind entgegenbläst, entspricht dies in unmissverständlicher Deutlichkeit ihren fortgeschrittenen Lebensjahren und -miseren.

Pathos , wortwörtlich

Die Buchstäblichkeit der symbolischen Pathosbilder erklimmt in Streeruwitz’ jüngstem Buch mitunter realsatirische Ausmasse; man lese etwa den Beginn:

Herzen brachen. Sie steckte ihre Hände tiefer in die Manteltaschen. Herzen konnten brechen. Sie hätte die Daunenjacke anziehen sollen. Der Stoffmantel nicht warm genug. Ihres. Ihr Herz. Das würde diese dünne Linie entlang. Diese Linie. Links. Links vom Brustbein. Diesen scharfen Schmerz entlang. Innen. Diesen Schmerz entlang. Der aus der Erinnerung aufstieg.

Ein solcher Einstieg entspricht nicht nur dem Niveau einer Anfängerlektion in Creative Writing ( “Mitten in die Geschichte springen !”, “Wechsel von symbolisch- gedanklichen und konkreten Situationsanzeigern !” ), sondern ordnet das sprichwörtlich “gebrochene Herz” in grotesk direkter Weise dem physischen Leidenssyndrom der Herz- bzw. Lungenkrise zu. Dass die ausgebildete Opernsängerin pathologisch an Atemnot leidet, überrascht unter so buchstäblichen Umständen ebensowenig wie der Umstand, dass Geraldine als Sängerin, als Patientin, als Liebhaberin und als alternde Frau längst stumm geworden ist: “Keine Passwörter mehr” gewähren ihr Zutritt zu geschlossenen Erfolgsgesellschaft, keine “Opernschreie” führen sie mehr einem jubelnden Publikum zu und auch ihr Arztgatte, dem sie stets eher als “Diagnose” denn als vollinhaltliche Frauensperson von Bedeutung war, ist längst unter der Erde. Dort, wohin es die Protagonistin - wie sämtliche ihrer Leidensschwestern - tendenziell ebenfalls zieht.

“Todesarten”- Module

Der Todeswunsch, die Selbstmordphantasie, das schmerzlüsterne Auskosten möglicher Todesarten ist eines der Hauptmodule im literarischen Baukastensystem des “Systems Streeruwitz” und entspricht auf einer existenziellen Ebene der wiederkehrenden geographischen Fluchtphantasie. Die insgesamt fünf einlässlichen Todespassagen in “MORIRE ” lassen sich in fast wörtlichen Übereinstimmungen bereits in früheren Büchern auffinden und umfassen diesmal das Spektrum von Schlafmittelmissbrauch, Erfrieren im Schnee ( einer Psychiatriepatientin, die über zwei Jahre hinweg Sedativa in ihrer Vagina gehortet habe ) bis hin zur Selbsttötung eines jungen Mädchens vor dem Zug:

Den Körper zerschneiden lassen. Schleifen. Zertrümmern. Zermörsern. So glatt den Kopf ab.

Dass es aber nie zum Äussersten kommt, dass es die Heldinnen bei vorhersehbar zum Scheitern bestimmten Signal- Suizidversuchen bewenden lassen und es dafür aber um so brachialer die anderen Frauen trifft, führt direkt ins Zentrum der Bigotterie von Streeruwitz’ angeblich feministischer Agenda: Es ist der schmerzlüsterne Voyeurismus und damit genau jene fleischfressende Augenweide, welche die Autorin in ihren Poetikvorlesungen als genuine Herrenmacht angeprangert hat; beziehungsweise welches auch den “Schafen” - will meinen den abhängigen Frauen - von früh an eingeprägt wurde: “So werden wir,” verlautete Streeruwitz in ihren Tübinger Vorlesungen, “selbst zu Voyeur-Voyeuren”.

Voyeur , Voyeuse

Was die Autorin wortreich an den gesellschaftlichen Institutionen des Theaters, der Oper ( insbesondere in Morire erscheint die Oper als konzertierte Stimulation für erigierende Nazi- Schwellkörper ), letztlich auch der visuellen Medien ( “Folterungen. Live.” ) und der Pornographie kritisiert, nützt sie in ihrer Textproduktion selbst zur Reizsteigerung. So lässt Streeruwitz - selbstredend unter dem Deckmantel feministischer Aufklärung - in der Erzählung “Majakowskiring ” ihre Protagonistin Leonore in der Berliner Gästewohnung des ehemaligen DDR-Schriftstellerverbandes über dort vollzogene Orgien phantasieren:

Was war hier geschehen. Was war in diesem Zimmer vor sich gegangen. Die Delegationen. (…) Wenn die Delegationen dann betrunken die Frauen über die Lehnen der Polstersessel gebeugt raten hatten lassen, wessen Schwanz in sie hineingesteckt. Und den nächsten Wodka, wenn sie es nicht erraten und am Ende die Flasche in den Hintern bekommen.

Dass Leonore nicht ansteht, das Prinzip ( staats- ) totalitärer Verfügung über Frauenfleisch auf die erotischen Ersterfahrungen ihrer bürgerlich-beschützten Jugend anzuwenden ( “dieses Mitgehenmüssen nach dem Tanzstundenkränzchen, mit dem, der gefragt” ), muss ebenso als blanker Hohn auf die realsozialistischen Opfer erscheinen wie die in jüngerer Zeit häufig rekurrierenden Allusionen an die Judenvernichtung. Zumal die erotische Faszination an der willkürlichen Macht nicht nur in Majakowskiring freimütig zugestanden wird: “Aber warum rutschen alle DDR-Phantasien immer ins Sexuelle.” Wo der leibliche Vater mit einem launischen Polit- “Diktator” gleichgesetzt wird, gehen unter der Sigle der Viktimisierung sämtliche Massstäbe und historische Koordinaten perdu. Zugegeben: Streeruwitz lässt sich nicht zur direkten Gleichsetzung aktueller weiblicher Todesarten mit den Opfern der Shoa hinreissen; vielmehr nimmt sie in letzter Zeit den Weg über die Umlenkrolle der Tätertöchter ( “Partygirl” ) oder Nazi- Enkelinnen ( “MORIRE IN LEVITATE ” ), um durch das ererbte bzw. “eingeprägte” patriachalisch-totalitäre Gewaltprinzip den Hang zur Selbstzerstörung zu legitimieren.

Frauenkörper , Fleischbeschau

All diese Frauenkörper, die nach Tablettenüberdosen in Lachen von Erbrochenen erwachen ( “Verführungen“, “Majakowskiring“), die sehenden Auges in Vergewaltigungen schlittern ( “Partygirl” , “Lisa’s Liebe“, “Majakowskiring” ); all diese Frauenkörper, welche die Selbstzerstörung durch Hungern ( “Partygirl” , “MORIRE IN LEVITATE” ) oder “Binge Eating” ( “Nachwelt“, “Jessica, 30” ) betreiben; all diese Frauenkörper, die sich mit eigener Hand und Messerklingen verletzen ( “Partygirl” , “Majakowskiring” ): All diese Frauenkörper dienen zur voyeuristischen Fleischbeschau der Untergeherinnen, über welche die - selbst nicht untergegangene - Leserin nach der Devise “Schiffbruch mit Zuschauer” ( Hans Blumenberg ) triumphiert. Als buchstäblicher Höhepunkt des ambivalenten voyeuristischen Einverständnisses mit der an Frauenkörpern vorgenommen Gewalt kann eine Szene aus “Partygirl ” gelten, in welcher Madeline ungewollt Zeugin der Analvergewaltigung einer Geschlechtsgenossin wird: Obwohl jene Frau deutliche Signale des Schmerzes von sich gibt, entsteht eine Blickachse - stummes Einverständnis - zwischen der beobachtenden Madeline und dem penetrierenden Mann. Die doppelte Identifizierung sowohl mit dem Aggressor als auch mit der leidenden Frau löst bei der Zuschauerin einen Orgasmus aus.

3 / 3- Mix für Zielgruppen

So häufig Marlene Streeruwitz betont, dass die Zuschauergesellschaft eine “Tätergemeinschaft” aus Gewaltakteuren, medialen Agenten und deren weiblichen Komplizinnen ( von der Opernsängerin bis zum Nacktmodell, von der Success-Tusse bis zum devoten Heimchen am Herd ) bilde, so wenig verschmäht es die Autorin, ihre eigenen Texte mit expliziten Szenen zu würzen. Ein Schelm, wer dialektisch Böses dabei denkt, wenn sie oder er bemerken, dass Streeruwitz’ Bücher mit ihren Leidprotokollen, Verletzungschroniken, Demütigungs- Checklisten und Selbstverletzungs- Szenen zu 30 % auf die Schaulust des Publikums spekulieren. Kombiniert mit 30 % Einladung zur Selbstidentifikation mit den dargestellten Opferrollen, Minderwertigkeits- und Defizienzkomplexen sowie einem letzten Drittel aus detailgenauen Schilderungen von konkreten Kulissen, Lokalen und Requisiten ( etwa der Mode und ihrer Labels oder dem Stuhlgang der Protagonistinnen ), ergeben diese drei Komponenten eine post- post- moderne Spezies von Trivialliteratur für das akademische weibliche Stadtproletariat. Hinzu kommt, dass die Autorin mit jedem weiteren Buch systematisch eine neue Quell- und Zielgruppe von altersspezifisch gekränkten Frauen anspricht: Sind es in den Romanen Verführungen und “Jessica, 30″ die Thirtysomethings, kommen in “Lisa’s Liebe” und “Nachwelt” die knapp Vierzigjährigen dran, tritt mit der Leonore aus “Majakowskiring ” eine 52Jährige auf den Plan und in der jüngsten Novelle “MORIRE IN LEVITATE” eine gerade-noch-nicht Sechzigerin.

Tupperparties in der Therapiegesellschaft

Der Selbstmitleid- und Therapiegesellschaft richtet Marlene Streeruwitz eine bunte Tupperparty an, in welcher jedes Leidtöpfchen sein Syndromdeckelchen findet. Wo es in allen diesen Körpern ständig “zieht” und “sticht” und “schwindelt” und “bricht”, fehlt zwar jeweils das genaue Wort einer “Diagnose” ( eine Abstraktion übrigens, die laut Streeruwitz genuin maskulin “kolonisierend” sei ), bleibt indes auf der Ebene der symbolischen Buchstäblichkeit kein Ausdruckswunsch offen; in den Worten aus “MORIRE IN LEVITATE”:

Dann. Nachdem sich die Geschichte an diesen Personen ausgetobt hatte. Dann liess die Geschichte die Menschen los. Schlug Wunden und überliess einen dann der Zeit. Und die Zeit. Die zerstörte die Wunden. Zerstörte die Wunden in Narben. Und das war dann das Leben gewesen. Das Zusammenziehen des klaffenden Fleisches in schmale weisse Streifen. Blutlose schmale Bänder. Blutlose schmale gefühllose Bänder. Schmerzunempfindlich. Narben gehörten nicht zu einem. Narben gehörten nicht mehr ganz zu einem. Narben waren schon ein erstes Gestorbenes an einem. Diese nichts fühlenden Wülste. Eingewachsene Barometer. Der Vater immer voraussagen hatte können, ob es regnen würde. In 2 Tagen.

Schwanengesang in Küchenlatein

Wenn sich der kalte Tag während Geraldines Novellengang gegen Ende hin dem Abend zu neigt und die getriebene Spaziergängerin letztlich “abwärts. Zum Wasser” gelangt, benötigt die bildungsbegüterte Leserin kein Barometer, um Undine und Ophelia aufsteigen zu sehen. Numinos verhaucht der Schwanengesang dieser angeblichen Novelle ( die sich aber in keinem kompositorischen Deut von der angeblichen Erzählung “Majakowskiring” bzw. der Trivialsatire “Lisa’s Liebe ” unterscheidet ) mit dem Satz: “Die Wasserfläche dunkel.”

So buchstäblich hier das Todesmotiv in das - dem Weiblichen zugeordnete - Element des Wassers eingeschrieben ist, so buchstäblich schief ist die anspruchsvoll lateinisch gehaltene Titelgebung der Novelle: Legt Streeruwitz mit “MORIRE IN LEVITATE” den stoischen Spruch vom “Sterben in Leichtigkeit” nahe, ergeben - streng genommen - Verb und Substantiv allerdings einen anderen Sinn. Würde man den angegebenen Slogan korrekt ins klassische Latein bringen, so würde er wohl “facile mori” lauten. Denn buchstäblich heisst “morire in levitate” nichts anderes als: “Stirb leichtsinnig “. - Hatte die Autorin hier tatsächlich eine Parole für Stuntwomen im Sinn ?

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